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Joseph H. H. Weiler

Wie liest und interpretiert man Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs? Der Rechtswissenschaftler Joseph H. H. Weiler, Professor of Law, European Union Jean Monnet Chaired Professor und Co-Director des Jean Monnet Center for International and Regional Economic Law and Justice an der New York University, ist ein Meister dieser Kunst, darüber hinaus aber auch ein veritabler juristischer Universalgelehrter. Vom 15. bis 18. Mai 2017 unterrichtete er die sechste Masterclass in International Law („How to Read Decisions of the European Court of Justice?“).

Mit 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Institut sowie zahlreichen externen Teilnehmenden, die sich in einem kompetitiven Verfahren um die Zulassung beworben hatten, analysierte und diskutierte Joseph Weiler klassische Entscheidungen des EuGH, entfaltete aber auch vielfältige andere Aspekte des weitgespannten Spektrums seiner Forschung und Lehre, das vom Völkerrecht über das Recht der Europäischen Union und der WTO bis zu den Schnittstellen von Religion und Recht reicht.

Wegen der Bauarbeiten am Institut fanden die Sitzungen in diesem Jahr vorwiegend in den neuen Räumen des Marsilius-Kollegs der Universität Heidelberg im Neuenheimer Feld statt.

Im Mittelpunkt des ersten Tages stand die Entscheidung Hauer, an der Professor Weiler in einer kleinteiligen Exegese die Entwicklung der Grundrechtsrechtsprechung des EuGH demonstrierte („How to Read a Human Rights Decision by the European Court of Justice?“). Im sokratischen Dialog mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern analysierte er auch die Entscheidung Melloni und das Gutachten 2/13.

Der zweite Tag begann mit der kritischen Analyse der „Worst Citizenship Decisions of the European Court of Justice“, die im Zentrum der gesamten Heidelberger Masterclass stehen sollte. Am Beispiel der Entscheidungen Baumbast, Garcia Avello, Collins, Chen, Ruiz Zambrano, und Bosman legte Joseph Weiler dogmatische Schwachstellen der Rechtsprechung des Gerichtshofs frei, dekonstruierte die Argumente des EuGH und entwickelte mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in prägnanten methodischen Schritten alternative Lösungen.

Vier Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten nachmittags Gelegenheit, ihre eigenen Forschungsprojekte im Plenum vorzustellen und von Professor Weilers pointierten Kommentaren zu profitieren.

Am Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) gab Joseph Weiler im Rahmen eines öffentlichen Abendgesprächs mit Armin von Bogdandy und Alexandra Kemmerer Einblicke in sein Leben und Werk. Er berichtete von seinen wissenschaftlichen Anfängen in dem von Mauro Cappelletti an der Universität Florenz und am Europäischen Hochschulinstitut initiierten Projekt „Integration Through Law“, das er im Rückblick als „an educational and scholarly milieu, as an intellectual and academic happening“ beschreibt, dessen stark normative Aufladung rückblickend kritisch zu beurteilen sei und dessen Langzeitwirkungen sich wohl weniger in Publikationen als in Generationen von transnational sozialisierten und für soziale und politische Kontexte des Rechts sensibilisierten Europarechtlerinnen und Europarechtlern zeigten. Weiler sprach über sein Interesse am Verhältnis von Recht und Religion, stellte seine langjährigen Forschungen zum Prozess Jesu zur Diskussion und erwies sich nicht nur als lebenserfahrener Kosmopolit mit einer Leidenschaft für das alte Europa und seine krisengeschüttelten Institutionen, sondern auch als ein Meister jüdischen Humors.

Am dritten Tag der Meisterklasse setzte Professor Weiler die Analyse klassischer Entscheidungen aus der umstrittenen Rechtsprechung des EuGH zur Unionsbürgerschaft fort und stand am Nachmittag für individuelle Konsultationen zur Verfügung.

Bei einem Abendgespräch im Institut reflektierte Joseph Weiler über seine Erfahrungen mit der Rechtswissenschaft und ihren Institutionen und ermutigte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler zu entschiedenen Schwerpunktsetzungen und langem Atem, ohne dabei vereinfachende Patentlösungen anzubieten. Am Beispiel seiner 2000 erschienen „Novella“ „Der Fall Steinmann“ (Originaltitel: „Removed“), zugleich eine wissenssoziologisch genau beobachtete Beschreibung des Umgangs deutscher Universitäten und insbesondere der Rechtswissenschaft mit den langen Schatten des Nationalsozialismus, erläuterte er seine Faszination für das literarische Schreiben.

Die abschließende Sitzung des vierten Tages bot noch einmal Gelegenheit zu hermeneutischen Tiefenbohrungen und Textexegesen, die die untersuchten Entscheidungen in den Gesamtkontext der Luxemburger Rechtsprechung und ihrer Rezeption in den Mitgliedstaaten stellten. In den lebhaften Debatten beeindruckte Joseph Weiler seine Zuhörer einmal mehr nicht nur als herausragender Gelehrter, sondern in einem umfassenden Sinne als Lehrer des Europarechts.

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Interview mit Joseph H. H. Weiler